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Auch wenn der Krabbenfang in der kalten Jahreszeit zurückgeht oder witterungsbedingt ganz ausfällt, heißt das noch nicht, dass jetzt eine Zeit des Zurücklehnens beginnt. Der Winter wird genutzt, um Fischerboote und Krabbenkutter gründlich zu überholen.

Star-Allüren hat er keine entwickelt, obwohl er es dank einiger Leinwandauftritte zu einer Berühmtheit gebracht hat, die weit über die Landesgrenze hinausreicht.
Eher bodenständig ist er geblieben, der Leuchtturm von Pilsum, wenn er so dasteht, umweht vom eisigen Wind der kalten Nordsee.

Gemeinsam haben Marsch und Geest eine Landschaft geformt, die dem Betrachter einen Blick auf unendliche Weiten eröffnet.

Die eine ist rot und die andere grün, aber sonst zum Verwechseln ähnlich stehen die Greetsieler Zwillingsmühlen leise, aber stolz in schwesterlicher Eintracht am zugefrorenen Sieltief.



Weißes weites Land


Wenn die See rauer, die Brandung stärker und der Wind noch frischer werden
wenn der Tee noch heißer ist und Stille hörbar wird
dann ist er da – der Winter in Ostfriesland



So kennt wohl jeder die ostfriesische Küste: Sommergäste tummeln sich an hellen Stränden, genießen das kühle Wasser unter strahlend blauem Himmel.
Wer aber das andere Ostfriesland kennen lernen will, das der reifüberzogenen Marschen, der zugefrorenen Kanäle und schneebedeckten Dünen, der sollte im Winter kommen. Jetzt ist die Zeit für stille Genießer.
Geographisch gesehen ist Ostfriesland mit seinen Inseln die nordwestlichste Region Deutschlands, umgeben von Dollart, Jadebusen und Wattenmeer. Eine amtliche Landesgrenze hat Ostfriesland nicht. Von kleineren Korrekturen abgesehen, entspricht es heute noch dem Gebiet des Fürstentums Ostfriesland, so wie es bis Mitte des 18.Jahrhunderts existierte. […]


„De nich will dieken, mutt wieken“

(„Der nicht will deichen muss weichen“)

[…] Hereinbrechende Sturmfluten überschwemmten immer wieder das zuvor mühsam dem Meer abgerungene fruchtbare Land. So begannen die Menschen es vor über eintausend Jahren einzudeichen. Eine kaum vorstellbare menschliche Leistung steckt hinter diesem Küstenwall, der heute die gesamte deutsche Nordseeküste umgibt. Der Deichbau und dessen Pflege bestimmten seither den Zusammenhalt der Menschen. Jeder, der hinter dem Deich siedeln, das Land beackern und sein Vieh weiden lassen wollte, stand in der Pflicht, das ihm zugewiesene Stück Deich instand zu halten. Kam er dieser nicht nach, hatte er sein Recht auf die Landnutzung verwirkt.
Vor mehr als einhundert Jahren übernahmen schließlich Deich- und Sielachten die Aufgabe der Deichpflege.


Marsch und Geest - die ungleichen Nachbarn

Sollte sich ein Hoferbe von der Marsch für eine Braut von der Geest entscheiden, so konnte er nicht nur mit Enterbung, sondern gleich mit dem Ausschluss aus der gesamten Gemeinde rechnen.
Das begehrte Marschland entstand durch die langsame Verlandung der regelmäßig überfluteten Salzwiesen. Der abgelagerte Schlick ließ es fruchtbar werden, so fruchtbar, dass das gewonnene Ackerland reiche Erträge einbrachte, unterstützt durch das ausgeglichene Seeklima und den hohen Grundwasserspiegel. Die Bauern wurden wohlhabender und konnten es sich erlauben, viele Mägde und Knechte zu beschäftigen. Stattliche Gehöfte zeugen von dieser großbäuerlichen Wirtschaftsweise.
Einen gänzlich anderen landschaftlichen Charakter hat die Geest. Mit ihren flachen Hügeln bildet sie das Kerngebiet Ostfrieslands und besteht aus sandigen und so weit weniger fruchtbaren Böden. Die Bauern waren meist ärmer und besaßen kleinere Höfe.
So bestimmte die jeweilige Region nicht nur das wirtschaftliche Auskommen der Menschen, sondern entschied auch darüber, ob eine Verbindung standesgemäß war oder nicht. […]


Im Land der Windmühlen

Seit Jahrhunderten prägen Windmühlen das Gesicht der ostfriesischen Landschaft. Sie sind technische Bauwerke, die für Erfindergeist und handwerkliches Können stehen, und für die gar nicht so neue Idee, Windkraft für sich nutzbar zu machen. Die Niederländer waren es. Sie erfanden die Holländermühlen mit ihren beweglichen Kappen und den daran angesetzten Flügeln. Ein Mühlentyp, der sich ab dem 16. Jahrhundert in Ostfriesland durchsetzte. Er löste die recht schwerfällige Bockwindmühle ab, bei der noch das gesamte Mühlengehäuse mit Hilfe eines Auslegerbaumes mühsam in den Wind gedreht werden musste. Die letzte voll funktionsfähige Bockwindmühle Ostfrieslands liegt in Dornum an der Grenze zwischen Norderland und Harlingerland. […]


erschienen in Landzauber N°2, Jan. 2013